Zwei Wege, ein Ziel
Ein Sprachmodell von der Stange kennt Ihr Unternehmen nicht. Um das zu ändern, gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze – und die Wahl hat weitreichende Folgen für Kosten, Aktualität und Nachvollziehbarkeit:
RAG – Nachschlagen
Das Modell bleibt unverändert. Zu jeder Frage werden passende Textstellen aus der Wissensbasis gesucht und mitgegeben.
✓ Wissen sofort aktualisierbar (Dokument ändern genügt)
✓ Antworten mit Quellenangabe, prüfbar
✓ Zugriffsrechte pro Nutzer möglich
✓ überschaubare laufende Kosten
Fine-Tuning – Nachtrainieren
Das Modell wird mit hunderten bis tausenden Beispielen weitertrainiert und dauerhaft verändert.
✓ prägt Stil, Tonfall und Format tief ein
✓ kann Spezialaufgaben zuverlässiger machen
✗ Wissen veraltet – Änderung = neues Training
✗ keine Quellen, schwer nachvollziehbar
✗ Trainings- und Pflegeaufwand
Warum RAG bei Wissen fast immer gewinnt
- Aktualität: Preise, Verträge, Richtlinien ändern sich laufend. Bei RAG genügt es, das Dokument zu aktualisieren – die nächste Antwort stimmt. Ein feingetuntes Modell müsste neu trainiert werden.
- Nachvollziehbarkeit: RAG-Antworten nennen ihre Quellen. Beim Fine-Tuning verschwimmt das Gelernte im Modell – niemand kann sagen, woher eine Aussage stammt. Für Compliance ein K.-o.-Kriterium.
- Rechte und Datenschutz: RAG kann pro Anfrage prüfen, welche Dokumente der Nutzer sehen darf. Ein feingetuntes Modell kennt keine Zugriffsrechte – was eintrainiert ist, kann prinzipiell jedem herausrutschen.
- Halluzinationen: Fine-Tuning reduziert sie bei Faktenfragen nicht zuverlässig – RAG mit Quellenbindung schon.
Wo Fine-Tuning seine Berechtigung hat
Fine-Tuning lohnt sich, wenn es nicht um Wissen, sondern um Können geht: einen ganz bestimmten Schreibstil treffen, ein exotisches Ausgabeformat zuverlässig einhalten, eine eng umrissene Spezialaufgabe (etwa Klassifikation von Fachtexten) mit einem kleinen, günstigen Modell lösen. In solchen Fällen kann ein feingetuntes kleines Modell schneller und billiger sein als ein großes Allzweckmodell. Und: Beide Ansätze schließen sich nicht aus – ein feingetuntes Modell kann in einem RAG-System stecken.
Typische Entscheidungen aus der Praxis
Wissensassistent für interne Dokumente → RAG
Fragen zu Verträgen, Prozessen, Handbüchern: klassischer RAG-Fall. Quellenangabe und Rechteprüfung sind hier Pflicht, das Wissen ändert sich laufend.
Angebote im Firmen-Tonfall → meist nur gutes Prompting
Bevor feingetunt wird: Ein präziser Prompt mit Beispielen („Few-Shot“) reicht für Stilfragen erstaunlich oft. Fine-Tuning erst, wenn das nachweislich nicht genügt.
Massenhafte Spezial-Klassifikation → Fine-Tuning erwägen
Millionen Dokumente pro Monat in Fachkategorien sortieren: Hier kann ein kleines, feingetuntes Modell die laufenden Kosten deutlich senken.
Häufige Fragen zu RAG vs. Fine-Tuning
Was ist günstiger?
Für Wissens-Anwendungen fast immer RAG: keine Trainingskosten, und die Wissensbasis pflegt sich mit den normalen Dokumenten-Updates. Fine-Tuning kostet Vorbereitung (saubere Trainingsdaten!), Training und Wiederholung bei jeder Änderung – rechnet sich vor allem bei sehr hohen Abrufvolumen mit kleinen Modellen.
Merkt sich das Modell bei RAG meine Dokumente?
Nein. Die Dokumente werden nur zur Beantwortung der jeweiligen Frage mitgegeben und verändern das Modell nicht. Bei Business-Verträgen der großen Anbieter werden diese Eingaben auch nicht zum Training verwendet.
Kann ich mit Fine-Tuning meine Firmendaten ins Modell „einbauen“?
Technisch teilweise – praktisch ist es der falsche Weg: Fakten werden unzuverlässig wiedergegeben, veralten und sind nicht mehr löschbar oder rechtesteuerbar. Für Faktenwissen ist RAG das richtige Werkzeug, Fine-Tuning für Verhalten und Form.
Womit sollte ein Unternehmen starten?
In fast allen Fällen: gutes Prompting plus RAG. Das deckt die typischen Anwendungsfälle (Wissensassistent, Dokumentenauswertung, Kundenservice) ab und liefert schnell messbare Ergebnisse. Fine-Tuning ist eine spätere Optimierung für Spezialfälle – kein Startpunkt.